Grundlagen

Ihre Cholesterinwerte verstehen: Was die Zahlen auf dem Laborbefund bedeuten

LDL, HDL, Triglyceride, Lp(a) — und wann ein „normaler" Wert nicht normal genug ist. Nach den aktuellen ESC/EAS-Leitlinien 2025.

Basierend auf Mach et al. (ESC/EAS 2025), Ference et al. (2017) und SCORE2-Working-Group (2021).

Die fünf Werte, die zählen

Gesamtcholesterin

Die Summe aller Cholesterin-Anteile. Sagt allein relativ wenig aus — ein Gesamtcholesterin von 240 mg/dL kann gefährlich sein, wenn es hauptsächlich aus LDL besteht, oder unproblematisch, wenn ein großer Anteil HDL ist. Heute schauen Ärzte vor allem auf die einzelnen Fraktionen.

LDL-Cholesterin (der wichtigste Einzelwert)

LDL ist die nachgewiesene Ursache für Atherosklerose. Je niedriger Ihr LDL, desto geringer Ihr Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Auf dem Befund finden Sie LDL in mg/dL (Deutschland) oder mmol/L (international). Umrechnung: 1 mmol/L ≈ 38,7 mg/dL.

Hinweis: LDL wird häufig nicht direkt gemessen, sondern nach der Friedewald-Formel berechnet (LDL = Gesamt − HDL − Triglyceride/5). Bei Triglyceriden über 400 mg/dL wird die Berechnung ungenau — dann sollte direkt gemessen werden.

HDL-Cholesterin

HDL ist kein eigenständiger Schutzfaktor, aber ein nützlicher Marker. Sehr niedrige HDL-Werte (unter 40 mg/dL bei Männern, unter 50 mg/dL bei Frauen) deuten auf erhöhtes Gesamtrisiko hin — oft in Kombination mit anderen Stoffwechselentgleisungen.

Triglyceride

Sollten unter 150 mg/dL (1,7 mmol/L) liegen. Schwanken stark je nach letzter Mahlzeit. Aktuelle europäische Leitlinien akzeptieren auch Nicht-Nüchtern-Werte als Erstbestimmung; nur über 440 mg/dL ist eine nüchterne Kontrolle nötig.

Non-HDL-Cholesterin (oft übersehen)

Berechnung: Non-HDL = Gesamtcholesterin − HDL. Umfasst alles Cholesterin in atherogenen Partikeln (LDL + VLDL + IDL + Lp(a)). Gilt als besserer Risikoprediktor als LDL allein, weil er das gesamte gefäßschädigende Spektrum abbildet. Bei normalem LDL aber erhöhten Triglyceriden kann Non-HDL erhöht sein — ein Warnsignal.

Lipoprotein(a) — das vergessene Risiko

Wird bei Routine-Blutabnahmen nicht mitbestimmt. Sie müssen Ihren Arzt gezielt darum bitten. Da Lp(a) genetisch festgelegt ist und sich kaum ändert, reicht eine einzige Messung im Leben.

Lp(a)-WertEinordnung
unter 30 mg/dL (75 nmol/L)Normal
30–50 mg/dL (75–125 nmol/L)Erhöht
über 50 mg/dL (über 125 nmol/L)Deutlich erhöht

Etwa jeder Fünfte hat erhöhtes Lp(a) — meist ohne es zu wissen.

LDL-Zielwerte: Nicht für jeden gleich

Einer der häufigsten Irrtümer lautet: „Mein LDL ist 130, das ist doch im grünen Bereich." Ob das stimmt, hängt vom individuellen Risikoprofil ab. Die ESC/EAS-Leitlinien 2025 (Mach et al.) teilen Patienten in vier Risikokategorien mit jeweils eigenem Zielwert.

RisikokategorieLDL-ZielwertBeispiel
Niedrig< 116 mg/dL (3,0 mmol/L)48-jährige Frau, Nichtraucherin, normaler Blutdruck
Moderat< 100 mg/dL (2,6 mmol/L)55-jähriger Mann, leicht erhöhter Blutdruck
Hoch< 70 mg/dL (1,8 mmol/L)Diabetes ohne Organschäden, familiäre Hypercholesterinämie
Sehr hoch< 55 mg/dL (1,4 mmol/L)Nach Herzinfarkt, Schlaganfall, Bypass oder Stent
Sicher und biologisch normal

„Unter 55 mg/dL? Geht das überhaupt?" — Ja, und es ist sicher. Neugeborene kommen mit LDL-Werten von 30 bis 70 mg/dL auf die Welt. Indigene Völker mit traditioneller Lebensweise haben LDL-Werte um 50 mg/dL und praktisch keine Atherosklerose. Eine Untergrenze, ab der der Nutzen aufhört, ist bisher nicht erkennbar.

Schnell-Check: In welche Kategorie gehören Sie wahrscheinlich?

Ihre SituationWahrscheinliche KategorieLDL-Ziel
Unter 50, Nichtraucher, normaler Blutdruck, kein DiabetesNiedrig< 116 mg/dL
50–69, ein Risikofaktor (Bluthochdruck oder Raucher)Moderat< 100 mg/dL
Raucher UND Bluthochdruck, oder Diabetes ohne OrganschädenHoch< 70 mg/dL
Bereits Herzinfarkt, Schlaganfall oder Stent gehabtSehr hoch< 55 mg/dL
Familienanamnese frühe Herzinfarkte (Eltern vor 55/60)Mindestens hoch< 70 mg/dL

Wichtig: Diese Tabelle ist eine Orientierung — kein Ersatz für die SCORE2-Berechnung durch Ihren Arzt. Die Berechnung dauert wenige Minuten und liefert ein präzises Ergebnis.

Für die Hochrisikogruppen kommt noch eine zweite Bedingung dazu: Senkung um mindestens 50 Prozent gegenüber dem Ausgangswert. Wer mit LDL 180 mg/dL startet und zur Hochrisikogruppe gehört, muss auf unter 70 mg/dL und mindestens auf 90 mg/dL — der niedrigere Wert gilt.

SCORE2: Wie hoch ist Ihr persönliches Risiko?

Der SCORE2-Risikorechner (Systematic COronary Risk Evaluation) wurde 2021 von der ESC eingeführt. Für Menschen ab 70 Jahren gibt es die Variante SCORE2-OP (Older Persons). Er berechnet die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten 10 Jahren ein schweres Herz-Kreislauf-Ereignis zu erleiden.

Der Rechner berücksichtigt fünf Faktoren:

  1. Alter (40–69 für SCORE2, 70–89 für SCORE2-OP)
  2. Geschlecht
  3. Rauchstatus
  4. Systolischer Blutdruck
  5. Non-HDL-Cholesterin

Ein Beispiel: Herr Müller, 58, Nichtraucher, Blutdruck 145 mmHg, Gesamtcholesterin 240 mg/dL, HDL 45 mg/dL. Non-HDL = 195 mg/dL. SCORE2 (Wohnsitz Deutschland) ergibt etwa 7 Prozent 10-Jahres-Risiko — Kategorie moderat bis hoch. LDL-Ziel: unter 100 mg/dL, je nach Einschätzung weiterer Faktoren auch unter 70 mg/dL.

Was SCORE2 nicht abbildet

SCORE2 berücksichtigt nicht: erhöhtes Lp(a), Familienanamnese, Koronarkalk-Score (CAC) im CT, ethnische Herkunft, chronische Entzündungserkrankungen (rheumatoide Arthritis, Psoriasis), psychosoziale Belastung. Ihr Arzt zieht diese Faktoren zusätzlich heran — SCORE2 ist Ausgangspunkt, nicht Endpunkt.

Wann zum Arzt? Wann Medikamente?

Die europäischen Leitlinien empfehlen, dass alle Erwachsenen ab 40 Jahren ihre Blutfettwerte kennen sollten. Bei Risikofaktoren (familiäre Vorbelastung, Diabetes, Bluthochdruck, Rauchen, Übergewicht) eher früher.

Stufentherapie: Lebensstil zuerst

Stufe 1 — Lebensstil (für alle Risikokategorien). Ernährungsumstellung, Bewegung, Rauchstopp und Gewichtsreduktion können das LDL um 10 bis 25 Prozent senken. Die Leitlinien sehen drei bis sechs Monate vor, danach Kontrollwert.

Stufe 2 — Medikamente, wenn der Zielwert nicht erreicht wird. Erste Wahl: Statine — eine der am besten untersuchten Medikamentengruppen überhaupt. Mehr zu Statinen.

Stufe 3 — Kombinationstherapie: Ezetimib (zusätzliche 15–20 % Senkung), PCSK9-Hemmer (Spritze, weitere 50–60 %), Bempedoinsäure (für Statin-Intolerante), Inclisiran (siRNA, halbjährliche Spritze).

Sehr hohes Risiko nach Herzinfarkt: Medikamente werden in der Regel sofort begonnen. Bei familiärer Hypercholesterinämie (LDL oft über 190 mg/dL) ist eine medikamentöse Behandlung fast immer nötig.

Das Arztgespräch vorbereiten

Mitnehmen

Sieben Fragen, die Sie stellen sollten

  1. Wie hoch ist mein LDL-Cholesterin, und wo sollte es laut meinem Risikoprofil liegen?
  2. Wurde mein Lipoprotein(a) schon einmal gemessen?
  3. Wie hoch ist mein 10-Jahres-Risiko laut SCORE2?
  4. Reichen bei mir Lebensstiländerungen aus, oder brauche ich Medikamente?
  5. Falls Medikamente: Welche Nebenwirkungen kann ich erwarten?
  6. Wann sollte der nächste Kontrollwert bestimmt werden?
  7. Gibt es Hinweise auf eine familiäre Hypercholesterinämie?

Im Gespräch

Vorsicht bei Selbsttests

Cholesterin-Selbsttests aus der Apotheke können eine grobe Orientierung liefern — ersetzen aber keine Laboranalyse. Genauigkeit eingeschränkt, viele Geräte messen nur Gesamtcholesterin. Für eine zuverlässige Risikobeurteilung brauchen Sie ein vollständiges Lipidprofil aus dem Labor.

Quellwerk Verlag Cholesterin natürlich senken Der evidenzbasierte Ratgeber

Vom Befund zur Strategie

Kapitel 1–3: Grundlagen · Kapitel 12: Aktionsplan

Das Buch erklärt jeden Wert ausführlich, ordnet ihn in den Kontext der Forschung ein und gibt Ihnen einen konkreten Aktionsplan für die nächsten vier Wochen — abhängig von Ihrer Risikokategorie.

Das Wichtigste auf einen Blick

LDL ist der wichtigste Wert

Gesamtcholesterin allein sagt wenig aus. Entscheidend ist LDL, ergänzt durch Non-HDL und einmalig Lp(a).

Zielwerte nach ESC/EAS 2025

Niedriges Risiko < 116, moderat < 100, hoch < 70, sehr hoch < 55 mg/dL. Bei Hochrisiko zusätzlich mindestens 50 % Senkung gegenüber Ausgangswert.

Lebensstil zuerst

Ernährung, Bewegung, Rauchstopp können LDL um 10–25 % senken. Reicht das nicht, gibt es wirksame Medikamente.

Quellen

  1. Grundy SM et al. AHA/ACC Guideline on Blood Cholesterol. J Am Coll Cardiol 2019;73(24):e285–e350.
  2. Ference BA et al. „Low-density lipoproteins cause atherosclerotic cardiovascular disease." European Heart Journal 2017;38(32):2459–2472.
  3. Mach F et al. „2025 Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for dyslipidaemias." European Heart Journal 2025.
  4. Nordestgaard BG, Langsted A. „Lipoprotein(a) and cardiovascular disease." The Lancet 2024;404(10459):1255–1264.
  5. SCORE2 Working Group. „SCORE2 risk prediction algorithms." European Heart Journal 2021;42(25):2439–2454.
Medizinischer Hinweis. Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Einordnung Ihrer individuellen Werte und die Entscheidung über Therapien gehört in die Hände Ihres Arztes.